Schützenswert. Aber wie?

Datum

09. Oktober 2026

Der Rothaarkamm ist ein wertvoller Naturraum – und große Teile davon sind längst geschützt. Aus „schützenswert“ folgt deshalb nicht automatisch „Nationalpark“. Bevor über einen neuen Status entschieden wird, sollte klar sein, was konkret besser werden soll. Und welches Schutzkonzept dafür tatsächlich das richtige ist.

Der Rothaarkamm wartet nicht auf den Nationalpark, um Natur zu werden. Große Teile der Landschaft stehen bereits heute unter besonderem Schutz. Natura-2000-Gebiete, Naturschutzgebiete, Naturwald- und Wildnisflächen sichern wertvolle Lebensräume.

Allein das FFH-Gebiet „Rothaarkamm und Wiesentäler“ umfasst 3.441 Hektar. Seine Abgrenzung ist nicht deckungsgleich mit der diskutierten Nationalparkkulisse, macht aber deutlich, in welcher Größenordnung im Naturraum bereits europäischer Gebietsschutz besteht.

Die Ausgangsfrage lautet deshalb nicht: Schützen oder nicht schützen?

Interessant wird es einen Schritt weiter: Was soll künftig zusätzlich erreicht werden? Wo bestehen tatsächlich Defizite? Und warum soll ausgerechnet der Nationalpark das passende Instrument sein?

In der bisherigen Debatte wird dieser Zwischenschritt erstaunlich schnell übersprungen.

Ökologisch wertvoll, ergo Nationalpark? So einfach ist Naturschutz nicht.

Ein Nationalpark bedeutet nicht einfach „noch mehr Schutz“. Er ist ein sehr bestimmtes Schutzinstrument: Auf dem überwiegenden Teil des Gebiets soll langfristig die natürliche Entwicklung Vorrang haben. Das Bundesnaturschutzgesetz stellt dafür besondere Anforderungen, unter anderem an Größe, räumlichen Zusammenhang und natürliche Entwicklungsfähigkeit des Gebiets.

Bevor man sich auf dieses Instrument festlegt, sollte deshalb klar sein, was man überhaupt erreichen möchte. Mehr Lebensraum für bedrohte Arten? Mehr alte Waldstrukturen und Totholz? Schutz von Quellen, Mooren und Bächen? Mehr Vernetzung bestehender Schutzgebiete? Klimaresilientere Wälder? Größere Flächen, auf denen Natur sich völlig ohne menschliche Eingriffe entwickeln kann?

Das alles sind mögliche Ziele. Aber nicht jedes verlangt dieselbe Lösung.

Vieles ist bereits geschützt. Was fehlt konkret?

Der Rothaarkamm ist keine weiße Fläche auf der Naturschutzkarte.

Die entscheidende Frage lautet: Was würde durch einen Nationalpark konkret besser geschützt als heute? Welche Arten, Lebensräume oder natürlichen Prozesse profitieren von einem zusätzlichen Nutzungsverzicht – und auf welchen Flächen?

Erst ein solcher Vergleich zeigt, ob der Nationalpark für den Rothaarkamm tatsächlich die ökologisch beste Lösung ist – oder zunächst nur die politisch bevorzugte.

„Natur Natur sein lassen“.

Aber wo?

Die Formel ist stark: Der Mensch zieht sich zurück, die Natur übernimmt. Nur ist Natur selten so einfach.

Der Rothaarkamm besteht nicht aus einem einzigen, überall gleichartigen Wald. Naturnahe Buchenbestände treffen auf Kalamitätsflächen (rund 950 Hektar), junge Waldentwicklung auf ältere Bestände, unterschiedliche Standorte auf unterschiedliche klimatische Risiken. Was für einen alten Buchenwald sinnvoll ist, muss für eine junge Wiederbewaldungsfläche noch lange nicht die beste Strategie sein.

Gerade in einer Region, in der Dürre, Hitze und Borkenkäfer deutliche Spuren hinterlassen haben, sollte man deshalb genauer hinsehen: Wo ist natürliche Sukzession die beste Entwicklung? Wo ist aktiver, klimaangepasster Waldumbau sinnvoll? Wo braucht Natur Pflege – und wo vor allem Ruhe?

Fest steht bislang nur der Anteil: Nach den gängigen Qualitätskriterien sollen spätestens nach 30 Jahren drei Viertel der Fläche sich selbst überlassen sein. Welche Flächen das trifft, entsteht erst im weiteren Verfahren und im Nationalparkplan.

Aber: Das ist mehr als eine technische Detailfrage.

Denn genau diese Aufteilung entscheidet darüber, wo tatsächlich dauerhaft auf Bewirtschaftung verzichtet wird und wo weiterhin eingegriffen werden kann oder muss.

Wer über das Schutzinstrument entscheidet, sollte deshalb zumindest eine belastbare Vorstellung davon haben, wie dieses Instrument auf der konkreten Fläche wirken soll.

Klimaschutz: Vorsicht vor der einfachen Rechnung

Auch beim Klima klingt die Geschichte oft klarer, als sie wissenschaftlich ist.

Wälder speichern Kohlenstoff. Bleibt Holz im Wald, kann Kohlenstoff weiter in Biomasse und Boden gebunden werden. Wird Holz nachhaltig genutzt, bleibt ein Teil des Kohlenstoffs wiederum in Holzprodukten gespeichert, außerdem kann Holz andere, emissionsintensive Materialien ersetzen.

Auch das Thünen-Institut für Waldwirtschaft warnt vor einfachen Gesamtbilanzen: Für eine belastbare Bewertung müssen unter anderem Kohlenstoffspeicherung im Wald und in Holzprodukten, mögliche Substitutionseffekte, zeitliche Verläufe und Unsicherheiten gemeinsam betrachtet werden.

Welche Strategie langfristig besser abschneidet, hängt von vielen Faktoren ab: Baumart, Standort, Alter, Waldentwicklung, Nutzung, Holzverwendung und Betrachtungszeitraum.

Die Gleichung „Keine Holznutzung = maximaler Klimaschutz“ ist deshalb zu einfach.

Für den Rothaarkamm wäre eine regionale Betrachtung deutlich interessanter: Wie schneiden Prozessschutz, natürliche Wiederbewaldung, aktiver Waldumbau und nachhaltige Holznutzung bei Klimawirkung, Biodiversität und langfristiger Widerstandsfähigkeit konkret ab?

Solange diese Ebenen nicht gemeinsam betrachtet werden, ist „Klimaschutz durch Nationalpark“ zunächst ein allgemeines Argument – keine spezifische Bilanz für den Rothaarkamm.

Straßen raus. Wie viel Nationalpark bleibt dann noch?

Schon die Ausgangsgröße ist bemerkenswert: Die ursprünglich vorgesehene Kernkulisse umfasst rund 4.300 Hektar Staatswald. Hinzu kommen könnten rund 330 Hektar der Dieter-Mennekes-Umweltstiftung. Damit reden wir über eine potenzielle Gesamtfläche von rund 4.630 Hektar – noch bevor Straßen und Planungskorridore herausgerechnet werden.

Zum Vergleich: Das Bundesamt für Naturschutz nennt 10.000 Hektar als empfohlene Mindestgröße. Das ist keine gesetzliche Untergrenze, und es gibt durchaus auch kleinere Nationalparks. Aber: Der Rothaarkamm läge schon mit seiner Ausgangskulisse bei weniger als der Hälfte dieses Richtwerts.

Befürworter werden an dieser Stelle auf den Kellerwald verweisen: Auch der hessische Nationalpark lag bei seiner Gründung mit rund 5.700 Hektar unter dieser Marke. Er brachte allerdings mit, was eine kleinere Fläche ausgleichen kann: einen der größten zusammenhängenden Buchenwälder Mitteleuropas, mit mehr als 1.000 Hektar über 160 Jahre alter Bestände, Teile davon heute UNESCO-Weltnaturerbe. Der Rothaarkamm hingegen startet kleiner, mit rund 950 Hektar Kalamitätsflächen und mit Straßen, die die Kulisse zusätzlich zerschneiden. Gleicher Schutzstatus heißt noch lange nicht gleiche Entwicklung.

Die aktuelle Diskussion um die Route 57 verändert die Kulisse zusätzlich.

Um Konflikte mit der Straßenplanung zu vermeiden, schlägt das Land vor, den gesamten potenziellen Suchraum zur Linienfindung der Route 57 sowie die B 62 und die B 508 einschließlich ihrer Anbaubeschränkungszonen aus dem Nationalpark herauszunehmen. Zusätzlich durchqueren bereits heute B 62, B 508, L 719, L 720, L 722 und K 17 die vorgeschlagene Kulisse auf insgesamt rund 25,3 Kilometern. Auch diese Straßenverläufe sollen bei einer Ausweisung ausgegrenzt werden.

Was für die Straßenplanung Probleme lösen soll, wirft für die Nationalparkplanung neue fachliche Fragen auf.

Denn zu den gesetzlichen Merkmalen eines Nationalparks gehört ausdrücklich, dass das Gebiet großräumig und weitgehend unzerschnitten sein soll.

Je mehr Verkehrsachsen und Planungskorridore aus einer ohnehin vergleichsweise kleinen Kulisse herausfallen, desto wichtiger wird deshalb ihre tatsächliche Geometrie: Wie groß sind die zusammenhängenden Bereiche danach noch? Wo bestehen ökologische Verbindungen? Wo entstehen getrennte Teilräume? Und wie viel der verbleibenden Fläche eignet sich tatsächlich für langfristigen Prozessschutz?

Mit Schlagworten lässt sich das nicht seriös beantworten. Wohl aber darstellen:

Unsere interaktive Karte stellt die derzeit diskutierte Kulisse den bestehenden Schutzgebieten, Verkehrsachsen und Route-57-Planungsräumen gegenüber.

Damit wird aus einer abstrakten Debatte ein konkretes Bild: Über welche Fläche reden wir eigentlich?

Was heute noch nicht feststeht, ist nicht bloß Detail

Natürlich muss bei einer politischen Grundsatzentscheidung nicht bereits jeder Wanderweg eingezeichnet und jede spätere Verwaltungsfrage beantwortet sein.

Aber „wird später geregelt“ kann auch keine Universalantwort sein.

Denn einiges von dem, was erst im weiteren Verfahren festgelegt wird, betrifft den Kern des Projekts: konkrete Zonierung, endgültige Flächenabgrenzung, Verhältnis von Prozessschutz und Management, Wegeplanung und weitere Nutzungsfragen. Die Unterlagen des Kreises zeigen ausdrücklich, dass zentrale konkrete Ausgestaltungen erst nachgelagert entstehen.

Das sind keine Fußnoten. Sie entscheiden wesentlich darüber, wie der Nationalpark später tatsächlich aussieht.

Drei Wege für den Rothaarkamm

Ein tragfähiger Plan würde zuerst beschreiben, wie der Rothaarkamm in einigen Jahrzehnten aussehen soll: Wo soll Wildnis entstehen? Welche Wälder sollen aktiv klimaresilient entwickelt werden? Welche Schutzgebiete sollten besser miteinander verbunden werden? Welche Form der Holznutzung soll erhalten bleiben? Und wo überwiegt der ökologische Nutzen eines vollständigen Nutzungsverzichts?

Erst danach lässt sich sinnvoll darüber sprechen, welches Instrument diese Ziele am besten erreicht.

Das Naturschutzrecht hält bewusst unterschiedliche Schutzformen bereit. Sie verfolgen unterschiedliche Ziele und können auch miteinander kombiniert werden.

Für den Rothaarkamm müsste deshalb mehr auf dem Tisch liegen als ein Nationalparkmodell. Sinnvoll wäre ein nachvollziehbarer Vergleich unterschiedlicher Entwicklungsszenarien.

Bleibt eine unbequeme Frage:

Die Landesregierung hat sich das politische Ziel gesetzt, einen zweiten Nationalpark in Nordrhein-Westfalen auszuweisen. Weit gekommen ist sie damit bislang nicht: In den Kreisen Höxter und Paderborn stimmten im Juni 2024 deutliche Mehrheiten in Bürgerentscheiden gegen eine Bewerbung mit der Egge. Im Dezember 2024 folgte der Kreis Kleve.

Die Auswahl ist damit klein geworden. Und je kleiner sie wird, desto größer die Versuchung, den Rothaarkamm passend zu machen, statt das passende Konzept für den Rothaarkamm zu suchen.

Was kommt also zuerst: das beste Schutzkonzept für diesen Naturraum oder das politische Ziel eines zweiten Nationalparks für NRW?

Die Antwort darauf sollte vor dem 13. November feststehen. Nicht danach.

Der Rothaarkamm braucht mehr als einen großen Namen.

Bevor der Kreistag am 13. November entscheidet, sollten aus unserer Sicht drei Dinge vorliegen:

  • Ein nachvollziehbarer Vergleich der drei Szenarien.
Mit ihren jeweiligen Wirkungen auf Natur, Klima und Waldentwicklung – aber auch auf Forstwirtschaft, Infrastruktur und regionale Wertschöpfung.

  • Eine belastbare Flächenbilanz der aktuell vorgesehenen Ausklammerungen.
Insbesondere Straßen und Route-57-Suchraum – einschließlich der Frage, wie groß und wie zusammenhängend die verbleibende Kulisse in Hektar danach tatsächlich ist.

  • Zumindest die fachlichen Grundzüge der späteren Zonierung.
Welche Flächen sollen langfristig Prozessschutz werden, welche Entwicklungs- oder Pflegeflächen – und warum?

Die verbleibende Zeit bis zum 13. November muss dafür genutzt werden.

Liegen diese Grundlagen nicht vor, hält Zukunft Siegen-Wittgenstein e.V. ein „Ja“ zur Bewerbung nicht für verantwortbar.

Denn was heute beschlossen wird, prägt Natur, Wald und die gesamte Region Siegen-Wittgenstein für Jahrzehnte – und sollte deshalb auf mehr beruhen als auf Annahmen und nachgelagerten Klärungen.

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