Wirtschaftsfaktor Nationalpark?

Wirtschaftsfaktor Nationalpark – oder: „Das Prinzip Hoffnung“?

Datum

21. September 2026

Tourismus, Arbeitsplätze, Fachkräfte, Standortimage: Mit wirtschaftlichen Chancen wird offensiv für einen Nationalpark am Rothaarkamm geworben. Eine eigenständige Untersuchung seiner wirtschaftlichen Effekte für Siegen-Wittgenstein ist trotzdem nicht vorgesehen. Wer ein Ja zum Nationalpark mit wirtschaftlichem Nutzen begründet, sollte diesen Nutzen auch belegen können.

Als NRW-Umweltminister Oliver Krischer Ende August zum Nationalparkforum nach Siegen kam, brachte er der heimischen Wirtschaft eine Beruhigung mit. Siegen-Wittgenstein bleibe eine starke Industrieregion, man tue nichts, was das infrage stelle. Die Westfalenpost fasste die Stimmung wenige Tage später in einer Überschrift zusammen, die keinen Zweifel mehr kennt: „Niemand hat einen ernsthaften Nachteil.“

Wer genauer wissen will, worauf diese Gewissheit wirtschaftlich gründet, findet auf der Projektseite des Kreises einen bemerkenswert nüchternen Satz. „Eine eigenständige wissenschaftliche Untersuchung speziell zu den wirtschaftlichen Effekten in Siegen-Wittgenstein sei im aktuellen Verfahren nicht vorgesehen.“ Als Orientierung sollen Untersuchungen bestehender Nationalparks dienen, vor allem aus der Eifel.

Man muss diese beiden Sätze nur nebeneinanderlegen. Auf der einen Seite die Zusage, niemand habe einen Nachteil. Auf der anderen der Hinweis, dass niemand nachgesehen hat.

Dabei sind die Erwartungen längst konkret formuliert: mehr Tourismus, zusätzliche Wertschöpfung, Arbeitsplätze, größere Sichtbarkeit, Vorteile für regionale Produkte, sogar ein Plus im Wettbewerb um Fachkräfte. Das Problem ist nicht, dass solche Effekte unmöglich wären. Das Problem ist, dass aus Möglichkeiten politische Argumente für ein Ja werden, ohne dass ihre Größenordnung für diese Region untersucht wurde.

Für Risiken gilt Beweispflicht. Warum nicht auch für Chancen?

Wer vor wirtschaftlichen Nachteilen warnt, soll konkret werden. Welcher Betrieb wäre betroffen? Welche Wertschöpfung, welche Arbeitsplätze, welche Einschränkung?

Merkwürdig wird es erst, wenn für die positiven Wirkungen ein anderer Maßstab gelten soll. Zusätzliche Gäste, neue Arbeitsplätze, mehr Attraktivität für Fachkräfte und ein Impuls für die Regionalentwicklung werden als Gründe für das Projekt genannt. Bei der Frage, wie groß diese Wirkungen am Rothaarkamm tatsächlich wären, genügt dann der Verweis auf andere Regionen.

Dabei wollte der Kreis ursprünglich selbst genauer hinsehen. Sein Grundsatzpapier vom Februar begründete die Vorbereitungsphase ausdrücklich damit, klarere Entscheidungsgrundlagen zu schaffen, um mögliche mittelbare Auswirkungen auf die wirtschaftliche und infrastrukturelle Entwicklung der Region bewerten zu können. Auch die Folgen für Land- und Forstwirtschaft sollten betrachtet werden. Sieben Monate später gehört eine eigenständige Untersuchung der wirtschaftlichen Effekte nicht zum Verfahren. „Bewerten“ wollte man. Nachrechnen will man nicht.

Naturschutz braucht keine Rendite. Ein Nationalpark kann aus ökologischen Gründen politisch gewollt sein. Sobald er aber zusätzlich als Wirtschaftsmotor beworben wird, reicht das ökologische Argument nicht mehr aus, um die ökonomische Frage zu beantworten.

Eine Investition, deren Preis und Ertrag niemand kennt

Wirtschaftlich betrachtet geht es um eine langfristige öffentliche Investition. Nur kennen wir bislang weder ihre Gesamtsumme noch ihren erwartbaren Ertrag für Siegen-Wittgenstein.

Was kostet die Einrichtung? Wie hoch sind die dauerhaften Betriebs- und Personalkosten? Welche Infrastruktur wäre nötig, wenn tatsächlich deutlich mehr Gäste kommen sollen? Was kosten Besucherangebote, Mobilität und Vermarktung? Wer trägt das langfristig? Und wie viel zusätzliche regionale Wertschöpfung steht dem gegenüber? Eine regionale Gesamtrechnung dazu gibt es nicht.

Mit einem Businessplan, in dem weder Investitionssumme noch erwarteter Ertrag beziffert sind, käme ein Unternehmer aus Siegen-Wittgenstein bei seiner Hausbank nicht weit. Für den Rothaarkamm soll es als Entscheidungsgrundlage genügen.

Der Satz „Das Land zahlt“ ändert daran wenig. Er ist für die kommunalen Haushalte wichtig, beantwortet aber nicht die wirtschaftliche Frage. Auch Landesgeld ist öffentliches Geld, und öffentliches Geld kann nur einmal ausgegeben werden. Zu einer ehrlichen Rechnung gehört deshalb auch, was dieselben Mittel mit anderen Instrumenten für die Region bewirken könnten.

Die Eifel ist keine Blaupause für den Rothaarkamm

Auch der häufige Blick in die Eifel löst dieses Problem nicht. Die dort genannten Besucherzahlen und Umsätze beschreiben, was sich in einer über zwei Jahrzehnte entwickelten Nationalparkregion heute abspielt. Dahinter stehen ein touristischer Masterplan, Infrastruktur, Mobilitätsangebote, Besucherzentren, Gastgeberstrukturen und langfristige Vermarktung. Der Effekt kam nicht mit dem Aufstellen eines Schildes am Waldrand. Er wurde bezahlt und entwickelt.

Und touristische Bruttoumsätze sind keine Bilanz für eine Region. Sie rechnen nicht gegen, welche öffentlichen Investitionen nötig waren, welche laufenden Kosten entstehen und wie sich bestehende wirtschaftliche Nutzung verändert. Wer nur die Plusseite zeigt, hat noch keine Bilanz vorgelegt.

Hier geht es nicht um eine wirtschaftliche Leerstelle

Besonders wichtig ist deshalb der Blick auf die Ausgangslage. Siegen-Wittgenstein hat rund 120.700 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte. 38,6 Prozent von ihnen arbeiten im produzierenden Gewerbe, deutlich mehr als der landesweite Durchschnitt von 24,7 Prozent. Allein das verarbeitende Gewerbe beschäftigte 2024 rund 34.400 Menschen und erzielte gut 10 Milliarden Euro Umsatz. Auch beim Tourismus beginnt die Region nicht bei null: 2025 wurden rund 789.000 Übernachtungen registriert, 6,8 Prozent mehr als im Vorjahr.

Wie unterschiedlich die Unternehmen den möglichen Nationalpark einschätzen, zeigt eine aktuelle repräsentative Befragung der IHK Siegen unter rund 2.500 Betrieben im Kreis Siegen-Wittgenstein. Von 322 teilnehmenden Unternehmen bewerten 46 Prozent die grundsätzliche Idee positiv. Bei den erwarteten Auswirkungen auf den Wirtschaftsstandort rechnen dagegen nur 33 Prozent mit positiven, 42 Prozent mit negativen Folgen. Im Altkreis Wittgenstein erwarten sogar 65 Prozent negative Standortwirkungen. Die Befragung zeigt damit einen wichtigen Unterschied zwischen der Bewertung der Nationalpark-Idee und den Erwartungen an ihre wirtschaftlichen Folgen.

Der wirtschaftliche Maßstab kann deshalb nicht nur lauten, wo neue Chancen entstehen könnten. Er muss ebenso lauten, was tatsächlich hinzukommt und was sich bei dem verändert, was bereits vorhanden ist.

Das Holzbeispiel zeigt, warum. Der Kreis nennt für die potenzielle Staatswaldkulisse rund 12.000 Kubikmeter Holzeinschlag und setzt diese Menge ins Verhältnis zum gesamten Einschlag Nordrhein-Westfalens. Ergebnis: etwa 0,46 Prozent. Die Zahl mag mathematisch korrekt sein. Nur beantwortet sie eine andere Frage. Für Siegen-Wittgenstein zählt, welchen wirtschaftlichen Wert diese Menge hier erzeugt: an Forstarbeit, Transport, Sägewerken und Verarbeitung. Ausgerechnet in einem Kreis, in dem Wald und Holz NRW rund 400.000 Kubikmeter nachhaltig geerntetes Holz im Jahr nennt, ist das bislang nicht regional durchgerechnet. Nicht weil damit bewiesen wäre, dass der Nationalpark wirtschaftlich schadet. Sondern weil ein seriöser Vergleich mögliche neue und bestehende Wertschöpfung gleichermaßen betrachten muss.

Dieselbe Sorgfalt gilt für weitere Zusagen. Krischer hat inzwischen in Aussicht gestellt, die Route 57 in einer späteren Nationalparkverordnung zu verankern. Trotzdem bleibt zu klären, was damit rechtlich abgesichert wäre und welche eigenständigen Planungs- und Naturschutzfragen bestehen bleiben. Eine politische Zusage und ihre tatsächliche Belastbarkeit sind nicht dasselbe. Wenn schon eine Straße diesen Prüfblick verdient, dann erst recht die wirtschaftlichen Versprechen für eine ganze Region.

Wer Ja sagt, sollte wissen, wozu

Am 13. November soll der Kreistag entscheiden. Bis dahin muss niemand auf den letzten Euro oder Arbeitsplatz vorhersagen können, wie sich die kommenden Jahrzehnte entwickeln.

Aber zwischen mathematischer Gewissheit und einer Sammlung möglicher Chancen liegt viel Raum für eine belastbare regionale Einschätzung.

Genau die fehlt bislang.

Eine eigenständige Untersuchung könnte schließlich auch zu einem positiven Ergebnis kommen. Dann hätten die Befürworter nicht weniger Argumente, sondern mehr. Dass stattdessen auf Referenzfälle, Potenziale und Erwartungen verwiesen wird, während eine eigene wissenschaftliche Untersuchung der wirtschaftlichen Effekte ausdrücklich nicht vorgesehen ist, reicht uns als Entscheidungsgrundlage nicht.

Wer am 13. November mit Ja stimmt, stimmt für ein langfristiges Projekt, dessen wirtschaftlicher Gesamtaufwand nicht feststeht und dessen wirtschaftlicher Ertrag für diese Region nicht eigenständig untersucht ist.

Wenn erhoffte Wertschöpfung mehr zählt als bestehende …

Dann: Nein zum Nationalpark.

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